Transhumanismus - was ist das?

1. Jedes auf rationalem Gebrauch von Wissenschaft, Technik, Kreativität und anderen Mitteln basierende Denk- oder Aktionsschema, das menschliche Grenzen zu überwinden sucht durch Verlängerung der maximalen Lebenserwartung, Erhöhung der Intelligenz sowie physische und psychische Verbesserung des Menschen.

2. Die geistige und kulturelle Bewegung, die sich, gleich dem Humanismus, für menschlichen Fortschritt insbesondere durch Anwendung der Vernunft anstelle des Glaubens engagiert; sie unterscheidet sich vom Humanismus darin, daß sie fundamentale Änderungen des menschlichen Wesens zum Besseren nachdrücklich für möglich und wünschenswert hält, beispielsweise durch Einsatz der Technik zur Eliminierung des Alterns und einer bedeutenden Erweiterung der intellektuellen, physischen und psychischen Kapazitäten des Menschen.

[Max More]

Der Wunsch des Menschen, seine ihm von der Natur in Form seiner biologischen Konstruktion gesteckten Grenzen zu überwinden, ist wohl so alt wie das Denken selbst. Stärker, schneller, intelligenter zu werden, als das natürlicherweise möglich schien, hat von jeher die Phantasie der Dichter beflügelt. Was jedoch zur Verwirklichung dieser Ziele fehlte, war zuallererst das Wissen um die Ursachen dieser Beschränkungen. Im Streben nach Erklärungen der (menschlichen) Natur füllte man diese Lücke mit religiösen oder magischen Konzepten, die vordergründig darauf abzielten, die Beantwortung diverser Fragen entweder durch Dogmen und Glaubenssätze zu ersetzen oder “auf später” zu verschieben (z.B. Jenseits, unsterbliche Seele).

Viele Menschen gaben sich damit jedoch nicht zufrieden, suchten ihre eigenen Antworten und trugen so Stück für Stück den gewaltigen Erkenntnisschatz zusammen, der die moderne Wissenschaft ausmacht. Der rasante Fortschritt der letzten Jahrzehnte liefert uns nun ein immer detaillierteres Bild der Welt, die uns umgibt, und deren Bestandteil wir sind. Dies bringt uns von Tag zu Tag einem Teil des uralten Traums näher: wir beginnen zu verstehen, warum unsere Grenzen dort liegen, wo wir sie vorfinden.  Wir begreifen die Gesetzmäßigkeiten, nach denen auch wir, als Teil der Natur, konstruiert sind. Unsere Weltsicht gestaltet sich radikal um; der Mensch verliert seinen Platz als “Krone der Schöpfung” und erweist sich einfach als (höchst komplexes) Produkt einer langen evolutionären Entwicklung, die mit einfachsten zur Selbstreplikation fähigen Molekülen begann und gelenkt wurde (nicht in einem aktiven, zielgerichteten Sinn!) durch zufällige äußere Umstände.

Dies mag auf den ersten Blick als bedauerlich erscheinen und den Menschen seiner von vielen als “gottgegeben” angesehenen Sonderstellung berauben (und in der Tat haben die Kirchen erwartungsgemäß die größten ideologischen Probleme mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen). Transhumanisten hingegen sehen hierin unermeßliche Chancen.

Denn warum quasi einen Schritt vor dem Ziel stehenbleiben? Warum sich mit der “reinen Erkenntnis” der Zusammenhänge in der Welt (besonders der biologischen) zufriedengeben? Wir beginnen zu verstehen, wie wir unsere Grenzen überwinden können! Es wird uns möglich sein, den alten Menschheitstraum zu verwirklichen, uns geistig und körperlich zu verbessern, mit Hilfe von Wissenschaft und Technik die im Zuge der natürlichen Evolution entstandenen suboptimalen biologischen Lösungen durch eigene, unseren Vorstellungen entsprechende zu ersetzen. Der Mensch wird nicht mehr auf das blinde Spiel der Natur (d.h. der Gene) angewiesen sein und sich endlich frei entfalten können. Der Mensch wird seine eigene Entwicklung steuern. Dies ist die Grundidee des Transhumanismus.

Werkzeuge der Umgestaltung
Worauf gründet sich der Optimismus, schon bald geeignete technologische Mittel zur Umgestaltung unserer selbst nach eigenen Designplänen zur Verfügung zu haben? Im folgenden seien einige der absehbaren oder heute schon anwendbaren Techniken und ihre potentielle Anwendung vorgestellt.

Der Molekularbiologie haben wir eine der wohl wichtigsten Entdeckungen der Menschheitsgeschichte überhaupt zu verdanken: die Entdeckung unseres eigenen “Bauplans”, der DNA. Sie stellt gewissermaßen das Programm dar, nach dem alle auf der Erde lebenden Wesen konstruiert sind. Erst dadurch ist es denkbar geworden, auf unsere biologische Konstitution grundlegenden Einfluß nehmen zu können. Während sich der in der DNA gespeicherte Code über einen langen Zeitraum evolutionär, aber ziellos entwickelt hat, wird es uns durch seine Entschlüsselung möglich, ihn zielgerichtet zu optimieren. Wir werden nicht nur in der Lage sein, den Code zu “debuggen”, d.h. unerwünschte Nebenwirkungen zu entfernen und suboptimale Lösungen zu verbessern, sondern auch, ganz neue Eigenschaften hinzuzufügen. Vorrangige Ziele dürften etwa die Überwindung von Krankheiten und Krebs sowie des Alterns sein; später werden dann verbesserte Lösungen für von der Natur schlecht (d.h. nicht in unserem Sinne) ausgeführte Konstruktionen angedacht werden. Dies ist Aufgabe der Gentechnik, die sich mit der Beeinflussung des Erbmaterials im Zellkern beschäftigt u.a. zum Zwecke der Hervorbringung neuer Eigenschaften an biologischen Organismen. Erste Erfolge bei Pflanzen und Tieren geben Anlaß zu der Hoffnung, daß der noch weitverbreitete ideologische Widerstand gegen solche Manipulationen am Erbmaterial des Menschen schwindet, sobald der ungeheure Nutzen dieser Technik praktisch sichtbar wird. Denkbar sind hier nicht nur Eingriffe in die Keimbahn des Menschen (sog. Reprogenetik), die zu dauerhaften vererbbaren Veränderungen des genetischen Materials in den Keimzellen führen (und damit langfristig möglicherweise zu einer Veränderung der gesamten Art), sondern auch das Einbringen veränderter Gene in bestimmte Gewebe des entwickelten Organismus (sog. somatische Therapie) zum Zwecke der Heilung genetisch bedingter Krankheiten. Dies führt auf das Feld der modernen Medizin, die von solcherart neuen Methoden zunehmend profitieren und Gesundheit weit besser als bisher erhalten bzw. wiederherstellen können wird.

Eine ganz andere, aber nicht minder umwälzende Entwicklung vollzieht sich auf dem Gebiet der unbelebten Natur (obwohl die Grenze zwischen belebter und unbelebter Natur diffuser wird, worauf wir weiter unten noch zurückkommen). Dank modernster physikalischer und chemischer Instrumentarien sind wir inzwischen in der Lage, einzelne Atome, die Bausteine der materiellen Welt, gezielt zu manipulieren. Dies eröffnet uns die grandiose Vision einer molekularen Nanotechnologie, durch die wir imstande sein werden, die Materie Atom für Atom mit Hilfe nanometergroßer Maschinen (sog. Assembler) nach unseren Vorstellungen umzubauen. Unser Leben wird sich dadurch grundlegend verändern, denn die Anwendungsmöglichkeiten sind zahllos: abfallfreie und wirklich umweltschonende Produktion aller nur denkbaren Güter und Materialien (mit heute unerreichbaren Eigenschaften), gezielte und wirkungsvolle Beseitigung von Abfällen und Umweltschäden der gegenwärtigen Industriegesellschaft, Einsatz in der Medizin zur Bekämpfung von Krankheiten und Verbesserung körperlicher Eigenschaften auf Zell- und Molekülebene (!) etc.

Und natürlich die Konstruktion von Computern, deren Rechenleistung um Größenordnungen über der heute erreichbaren liegt. Was die (notwendige?) Basis für die Erschaffung künstlicher Intelligenz legen würde, an deren Entwicklung schon heute intensiv gearbeitet wird (mit teilweise beachtlichen Erfolgen - man denke nur an Schachcomputer), die aber sicherlich weit höhere Verarbeitungskapazitäten voraussetzt, als die besten Maschinen heute zu liefern vermögen. Ein auf mechanischer, elektronischer oder gar optischer Grundlage arbeitender “Nanocomputer” dagegen besäße eine Speicherkapazität, die die des menschlichen Gehirns (des größten Datenspeichers, den wir kennen) bei weitem übertreffen könnte. Und dessen Verarbeitungsgeschwindigkeit bedeutend größer wäre als die der auf Ionenleitung beruhenden äußerst langsamen biologischen Lösung.

Beste Voraussetzungen also, sowohl für die Schaffung künstlichen Bewußtseins (in Zusammenarbeit mit z.B. den Kognitionswissenschaften, die die Funktionsweise und Grundlagen des Bewußtseins am bisher einzigen konkreten Beispiel - dem Menschen - studieren), als auch, in einem ersten Schritt, für die Erweiterung und Verbesserung des menschlichen Geistes durch Kopplung des Gehirns an externe (oder implantierbare) Computer (mit Hilfe der Medizin), was zusätzliche oder verbesserte Funktionalität mit sich bringen wird. Den Abschied vom “Menschsein” im heutigen Sinne könnten wir spätestens dann konstatieren, wenn wir in der Lage wären, den menschlichen Geist (unsere Software) auf künstlicher Hardware, auf Computern ausreichender Rechenleistung, ablaufen zu lassen (sog. uploading). Wir wären dann dem alten Traum von Unsterblichkeit ein großes Stück näher (Sicherungskopien des Gehirns machten dies möglich), und die Verbindung vieler einzelner Geister zu einem “Super-Bewußtsein” planetaren Maßstabs wäre der Beginn einer Intelligenz, die auf kosmischen Skalen agiert und nichts mehr gemein hat mit den denkenden Zweibeinern auf wäßriger Basis, aus denen sie einst entstand…

Diese Liste transhumanistischer Techniken ist natürlich nicht vollständig. Erwähnenswert wären z.B. weiterhin: Designerdrogen zur chemischen Beeinflussung des Bewußtseins (im biologischen Gehirn) zur Intelligenzverstärkung und Änderung unerwünschter Gemütszustände; die Theorie komplexer Systeme, die beschreibt, wie sich aus einfacheren Strukturen durch Selbstorganisation hochentwickelte Einheiten wie das menschliche Bewußtsein entwickeln können; während die Evolutionstheorie beschreibt, wie sich diese Systeme in Wechselwirkung miteinander und mit der Umgebung weiterentwickeln; Memetik, beschreibt die Evolution von Ideen im Umfeld informationsverarbeitender Systeme (z.B. Gehirn); die Raumfahrt, von der letzlich eine Lösung für das Problem der begrenzten Entwicklungskapazitäten der Menschheit auf ihrem Heimatplaneten durch Nutzbarmachen anderer Planeten erhofft wird; viele weitere ließen sich aufzählen oder werden sich in Zukunft als nützlich erweisen.

“Moralische” Bedenken?
Transhumanismus propagiert nicht weniger als die mögliche totale Umgestaltung der menschlichen Art, die selbstgesteuerte Evolution. Natürlich gibt es viele Menschen, auf die diese Gedanken unnatürlich und erschreckend wirken. Meist basiert das auf (religiösen) Vorurteilen oder einseitig negativer Erwartungen bezüglich der Folgen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Ist z.B. das Streben nach Überwindung des gegenwärtigen menschlichen Zustandes “unnatürlich”? Man muß sich klar machen, daß die Grenzen des Begriffs “natürlich” fließend sind. Sieht man den Menschen als Teil der Natur an, so kann man mit Berechtigung auch alles, was er erschaffen hat, als Teil der Natur ansehen. Wo liegt der prinzipielle Unterschied zwischen einem zur Replikation fähigen DNA-Molekül und einer selbstreplizierenden Nanomaschine, die von Menschenhand geschaffen wurde?

Und ist alles im klassischen Sinne “natürliche” unbedingt positiv? Erstens bekämpfen die Menschen von jeher Krankheiten und andere Unannehmlichkeiten. Sobald sich eine neue Technik als wirkungsvoll und das Lebensniveau verbessernd erwiesen hat, wird sie allgemein akzeptiert, und niemand fragt mehr danach, ob z.B. Organtransplantationen, Empfängnisverhütung oder IVF (In-Vitro-Fertilisation) natürlich sind oder nicht. Zweitens verläuft die natürliche Evolution nicht zielgerichtet (schon gar nicht “zum Wohle des Menschen"), sondern völlig zufällig und blind. Warum sollen wir unser Schicksal in dieser Hinsicht (als Art) dem Zufall überlassen, wo wir es doch bei anderen Gelegenheiten mit allen Mitteln zu unseren Gunsten zu beeinflussen versuchen?

Jeder, der angesichts des Transhumanismus den “moralischen Zeigefinger” hebt, sollte sich seiner wirklichen Beweggründe dafür im Klaren sein und sich bewußt machen, daß Ethik und Moral geschichtlich gewachsene Komplexe von Überzeugungen und Lebensregeln sind, die für bestimmte äußere (und innere) Umstände Geltung beanspruchen können. Ändern sich diese Umstände, wie im Falle des Übergangs vom menschlichen zum trans- oder sogar posthumanen Zustand, so werden sich früher oder später auch die Anschauungen der Allgemeinheit ändern. Wie schnell dies vonstatten geht, hängt von Erziehung und Lebensphilosophie jedes Einzelnen ab.

Der Transhumanismus vollzieht schon heute diese Veränderungen und befürwortet deren Verwirklichung. Transhumanisten sind somit in idealer Weise auf zukünftige Entwicklungen vorbereitet.

(F. Prengel, T. Nahm, M. A. Ernst)

Posted by Santiago Ochoa on 2004/05/19 • (0) Comments
Search



This is the archive site for World Transhumanist Association content circa 1998-2009. Please see our new site at humanityplus.org.

Lingua
- Français
- Español
- Deutsch
- Suomi
- Italiano
- Russian
- more...